REPORTAGE: Basteln für die Integration
Donnerstag, 12. März 2009, 11:56 Uhr
Mit einem Kindergartenprojekt versucht die Stadt Salzburg seit 2007 die Probleme, die sich aus der hohen Einwanderung ergeben, in den Griff zu bekommen. "Rucksack" nennt sich das Projekt, das in erster Linie die Zweisprachigkeit von Migrantenkindern fördern soll und als Pilotprojekt im Kindergarten am Gebirgsjägerplatz große Erfolge feiern konnte. Nun wurde es auf 14 weitere Kindergärten ausgeweitet und stößt auf erste Anlaufschwierigkeiten.
Samira stellt das Schlafzimmer auf den Tisch. Noch gestern hat die Vierjährige mit den langen Zöpfen an ihrem Schlafzimmer aus Schuhkarton gebastelt. Die Lampenschirme aus Pfeifenputzern, die Vorhänge aus Stoffresten. Ihre Mama hat ihr dabei geholfen. So wie sie ihr jetzt hilft die Schachtel auf den Tisch der Kindergartenleiterin zu stellen, auf dem schon einige andere Schlafzimmer stehen. Denn nicht nur Samira hat gebastelt.
Sie und ihre Kindergartengruppe nehmen an einem Projekt zur Sprachförderung und Integration von Migrantenkindern teil. Das Projekt nennt sich "Rucksack" und wurde erstmals in den Niederlanden erfolgreich umgesetzt. 1999 hat die regionale Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAA) in Essen das Programm für deutsche Verhältnisse adaptiert. Und 2007 folgte auch die Stadt Salzburg diesen Vorbildern und übernahm "Rucksack" zunächst für nur einen Kindergarten. Jenem am Gebirgsjägerplatz in Itzling.
Und hier sitzt Samiras Mama nun zwischen all den anderen Müttern bei Kaffee und Kuchen. Gemeinsam mit der "Stadtteilmutter" besprechen sie die Aufgaben, die sie in den kommenden Tagen mit ihren Kindern zu Hause erledigen sollen. Dazu ist der Wandschrank zur Pinnwand umfunktioniert worden. Auf ihm kleben die Arbeitsblätter für den Heimunterricht. Noch sind nicht alle Stühle besetzt. Sie füllen sich nach und nach. Mit Frauen aus der ganzen Welt. Manchen sieht man die Nationalität an, machen nicht. Sie sind schon auf dem Weg zur Weltenbürgerin.
Das Prinzip von "Rucksack" ist ein ganz neues und funktioniert über zwei Säulen: Heimunterricht durch die Mütter in der Muttersprache und Unterricht im Kindergarten durch Erzieherinnen in der Fremdsprache. So werden Inhalte parallel in zwei Sprachen an die Kinder herangetragen und Werte, wie Toleranz und Respekt vor dem Anderen, dem Fremden, vermittelt. Als wichtiger Nebeneffekt von "Rucksack" wird die Rolle der Mütter gestärkt, die somit nicht mehr als schwach oder fremd angesehen werden. Um diesem Auftrag gerecht werden zu kommen, treffen sich die Mütter jeden Montag im Kindergarten am Gebirgsjägerplatz und besprechen die Aufgaben für die nächste Woche.
Heute ist wieder einer dieser Montage. In kleinen Gruppen sitzen die Mütter um die Tischchen, um die sonst ihre Kinder sitzen. Ein Gewirr aus verschiedenen Sprachen erfüllt den Raum. Die wievielte Sitzung diese heutige ist, das hat keine gezählt, aber wie viel jede einzelne gebracht hat, das wissen alle. Auch die Mutter in der dunkel-blauen Bluse, die jetzt einen Schluck von ihrem Kaffee nimmt und dann stolz das Bild zeigt, das ihr Sohn gemalt hat: "Er malt jetzt ganz freiwillig.", freut sie sich. "Letztes Jahr musste ich ihn immer überreden."
"Ja, man sieht die Fortschritte deutlich.", stimmt die Stadtteilmutter zu. "Man braucht eben Geduld. Nicht jedes Kind macht gleich von Anfang an mit." Auch nicht alle Eltern, wie sie zu berichten weiß: "Im Kindergarten meiner Schwester machen bis jetzt nur zwei Mütter mit. Die Eltern sind schwer zu überzeugen, das Projekt bringt ja auch viel Arbeit für sie."
2008 hat die Stadt Salzburg das "Rucksack-Projekt" auf 14 weitere Kindergärten ausgeweitet, nachdem man im Kindergarten am Gebirgsjägerplatz im letzten Jahr sehr positive Erfahrungen gemacht hatte. Dort hat sich das Deutsch der Kinder, wie der Eltern verbessert. Zudem wird die Integration der Familien unterstützt, indem ihnen das Knüpfen sozialer Kontakte erleichtert wird. Diesen Erfolg wünscht man sich nun auch für die 14 anderen Kindergärten. Doch das Projekt läuft nur sehr langsam an. Zunächst müssen die Eltern überzeugt werden, denn sie sind die zentrale Stütze des Programmes. Und sind diese überzeugt, muss erst das Interesse der Kinder geweckt werden. Aber man wolle dranbleiben, denn man sei fest überzeugt von "Rucksack".
Samira sitzt inzwischen auf dem Schoß ihrer Mutter. Sie will nicht nach draußen zum Spielen. Vielleicht, weil draußen die Sonne nicht scheint. Oder vielleicht, weil es hier drin nach Kuchen duftet. Der ist noch da, der Kaffee dagegen ist leer getrunken und die ersten Mütter sind schon weg. Nur die Schlafzimmer stehen noch auf dem Tisch: Da steht Samiras Schlafzimmer neben einem anderem mit goldenen Tapeten, direkt hinter dem mit dem schönen Foto an der Wand links neben dem Fenster. Dazwischen steht ein kleineres, aber nicht minder heimeliges Schlafzimmer ganz in Blau. Dass sie aus verschiedenen Ländern stammen, das sieht man ihnen nicht an. Jedes Kind weiß wie man es sich gemütlich macht, egal ob es Türkisch, Afghanisch oder Jugoslawisch spricht. Dass ihnen das Basteln Spaß gemacht hat, das erzählen die vielen Details. Dass sie dabei eine Sprache erlernt haben, das wird man hören. Vielleicht nicht heute, aber bestimmt in weniger als einem Jahr.
Petra Caldonazzi
petra.caldonazzi@die-eule.at
BILD: © Thommy Weiss/PIXELIO

