Keine Zukunft mit "geseinter" Jugend
"Nehmen Sie es nicht persönlich. Da darf man nicht so sensibel sein.", sagte der Mann, der alles schon hinter sich hat. Sagte der Mann, der sich freut, dass ihm so viele gefolgt sind, bedingungslos und ohne gröberen Aufwand seinerseits. Es war einer dieser Mittwoch Abende, die beweisen, dass binnen 90 Minuten durchaus drei Tage vergehen können. Aber dieses Mal war es anders. Diesmal verging keine Zeit, sondern eine ganze Generation.
Da sitzen an die 30 junge Leute im geschätzten Alter zwischen 20 und 25 Jahren zusammengepfercht in einem schlecht durchlüfteten Seminarraum am Rudolfskai. Vielleicht lag es sogar am überschüssigen CO2, dass alles so kam, wie es kam. Vielleicht aber, vielleicht aber wurde ich Zeuge einer Lücke im System, welche sich genau dort auftut, wo dieses beginnt sich selbst zu reflektieren.
"[...] Sie haben sich alle in Gruppen zusammengeschlossen und Fernsehbeiträge gedreht. Nun - so nehmen wir an - sind wir hier in einer Redaktionssitzung eines Fernsehsenders und müssen aus den sieben vorliegenden Beiträgen drei auswählen, welche auf Sendung gehen." Enorme Begeisterung tut sich auf im Seminarraum. Alle springen von den Stühlen und stoßen sich hemmungslos zu Boden; zumindest die Stecknadeln, die man zwischen den gähnenden CO2-Atömchen fallen hört.
Endlich sagt einer etwas. Keine Ahnung was, ich höre nicht zu. Wie jeden Mittwoch Abend. Ich lache innerlich immer noch über das Beitragsthema der Gruppe am anderen Ende des Seminarraumes - eine Heißluftballonregatta wollen sie filmen. Könnte am Ende glatt noch "den schönsten Bahnstrecken Deutschlands" zum größten Konkurrenten werden. Nun ja, die anderen Themen sind auch nicht gerade Ausbund gedanklicher Tiefe. Über Festivals und Perchtenläufe soll berichtet werden. Allein drei Berichte nähern sich inhaltlicher Reflexion: Ein Beitrag über die Architektur des Hangar 7, einer über Erasums und der Dritte über die Straßenzeitung "Apropos" und deren Verkäufer, die am Existenzminimum leben. Und dann sagt einer etwas und plötzlich wacht mein Hirn, rattert es in meinem Köpfchen: Es sei doch klar, dass junges Publikum beim "Zappen" nicht Halt macht bei einem armen Mann, der von seinem Leben erzählt, sondern vielmehr bei einem Bericht über ein Festival. Und hier ist die Lücke! Und hier offenbaren sich alle. Jene, die sprechen und jene, die schweigen. Da sitzt ein junger Mann vor mir und offenbart sich schamlos als Vermachteter des Systems; als einer, der seine Hausaufgaben gemacht, alle Pillen widerstandslos geschluckt hat. Ein Vorzeige-Vermachteter. - Bravo!
Und ich? Ich könnte nicht so viel essen, wie ich kotzen will, angesichts dieser Handlungslosigkeit meiner selbst. Ich erkläre ihm, dass es doch genau deshalb sei, weshalb ein derartiger Beitrag wichtig wäre. Und nun befinden wir uns mittendrin in den Diskussionen über metagesellschaftliche Tendenzen. Dort, wo die Jugend darüber debattiert, ob - ja, und es geht um dieses "Ob-Überhaupt" - ethische Werte ins Fernsehen gehören.
Wir sollten doch zu dem Straßenzeitungsverkäufer nach Hause gehen und ihn dort filmen (beim Leben?), das wäre doch interessant!, meint das Mädchen aus Bayern. Und ich würge an der Verhaftetheit dieser Jugend im Sozialvoyeurismus. In der schnellen Zeit, wo nur Spektakel und Skandale einen kurzen Augenaufschlag wert sind. Oder reichte es ihr etwa, den armen Mann auf seinem Stuhl sitzen zu sehen? Es würde mich stark bewundern, wenn sie nicht zugemüllte Räume erwartete; hungernde Kinder in Lumpen. Klischees will diese Jugend, Klischees, damit's schneller geht und keiner denken muss.
Arte habe doch auch nur 2% Marktanteil. Dies beweise doch, wie unsinnig es wäre den Beitrag über "Apropos" zu senden, sagt der junge Mann, der so an seinem Kostüm des "Welterklärbärs" haftet, dass ich mir denke: Eckelt es ihn nicht schon selbst? Aber, wie dem auch sei; Das Argument Arte: Totschlagargument. Zumindest mich schlägt die Verzweiflung kurzzeitig in den klinischen Tod. Oder ist es am Ende doch der Kotzbrocken in meiner Gurgel? Ach nein, stimmt ja, ich hatte ja gar nicht so viel gegessen...
Arte. Keiner schaut Arte. 2% sind ja auch niemand. Wirtschaftlich ohne Zweifel. Human? Ideell? Da sind es morgen vielleicht 4% und übermorgen vielleicht schon 5%. Soll man denn 2% vorm Tod aufhören zu atmen, weil es ja (wirtschaftlich) nichts mehr ist? Ach, Erklärbär, geh doch zurück in den Märchenwald der systemstabilisierenden Totschlagargumente!
Einen habe ich vermisst während der ganzen Debatte. Den Mann auf der Kanzel. Den Agenten des Systems, der uns bekehren soll. Den Lehrveranstaltungsleiter. Hohes Tier beim ORF Salzburg. Seit - keine Ahnung - 30 Jahren? Bis jetzt hat er nichts gesagt. Und nun stelle ich die Wahl: "Werte oder Quote?" Und da schaltet er sich ein: "Aber bitte, nehmen Sie's doch nicht so persönlich! Da darf man nicht so sensibel sein.", grinst er. Jaja, du hast ja auch schon alles hinter dir. Die Revolution; dich hat das System schon vermachtet. Schon lange. An dir liegt es auch nicht mehr, die Welt zu verbessern. Aber, dass du dich darüber freust, dass es kein reaktionäres Potenzial mehr gibt in der Jugend, das macht dich teuflisch...
Helmut Schmidt hat einmal gesagt: "Die Jugend ist gegen alles!"
Aber ihr, Freunde, die ihr da sitzt in 90 Minuten dreier Tage, ihr, ihr seid gegen gar nichts!
Ihr seid gar nicht.
Ihr werdet geseint...
Und, dass euch das keine Angst macht, das ist die wahre Tragödie!
Petra Caldonazzi
petra.caldonazzi@die-eule.at
Bild: © Sunny6/PIXELIO
Mit höchstem Respekt gegenüber all den jungen Vermachteten, die hier genannt! Immerhin sind sie die Vermachteten, die es morgen vielleicht nicht mehr sind...

