Der Casus McLean -Beileidsbekundung verpasster Cyber-Reklame
Donnerstag, 12. Februar 2009, 14:17 Uhr
Alexander James McLean ist vor allem eines: ziemlich sauer auf Marsha. Immerhin hat sie seinen besten Freund Chris kurz vor der Hochzeit wegen eines anderen verlassen. McLeans Antwort darauf kommt musikalisch und trägt den Titel "Fuck Marsha In The Eye". Kein Lied, wie jedes andere, sondern Vorbote eines neuen Zeitalters, in dem das digitale Netz zur Grundlage aller unserer Handlungen werden wird.
"Fuck Marsha In The Eye" ist seit vergangenem Sommer eines von Millionen Videos auf Youtube. Es ist dahingekommen, weil McLean - seines Zeichens Backstreet Boy auf Lebenszeit - durch Europa tourte, um diesen und zwölf weitere Songs seines ersten Soloalbums vorzustellen, welches jedoch erst nach der Tournee in den Handel kommt. Nichts Neues. Promotour eben.
Das Neue: Noch während der Tournee landen alle Songs als Amateur-Konzertmitschnitte auf Youtube und verbreiten sich dort wie Lauffeuer zunächst unter den BSB-Anhängern und später auch unter der breiten Masse der Youtuber. Was als simple Promotour begann und geplant war, artet in eine neue Art der Mund-zu-Mund Propaganda aus, nämlich jener der "Cyber-Reklame". Und dies nicht einmal hausgemacht, sondern "fan-made". Es entwickelte sich ein regelrechter Hype um diese Lieder und jeder ist plötzlich scharf auf ein Album, das es noch nicht gibt. Die Verkaufszahlen wären ein Traum gewesen. Eine großartige Marketing-Strategie: Enormer Profit bei kleinstem Aufwand. Und als Agenten fungieren dabei die billigsten und naivsten PR-Manager, die man sich nur wünschen kann: die Endabnehmer; die nun nicht mehr nur kaufen, sondern auch noch promoten. (In deren Riege ich mich jetzt wohl auch einzureihen habe...)
Nun ist allerdings zu vermuten, dass weder McLean, noch das Management hinter ihm, diese "fan-made" "Cyber-Reklame" geplant hatten. Es geht aber noch sträflicher: Sie bemerken sie nicht einmal! Denn sie machten einen fatalen Fehler: Anstatt auf die Welle des allgemeinen Hypes aufzusteigen und das Album auf den Markt zu bringen, wird das Veröffentlichungsdatum immer weiter verschoben. Von Oktober auf Dezember auf Jänner auf Frühjahr - wie schwammig. Was dahintersteckt kann ich nur vermuten, das tut aber nichts zur Sache, denn egal wie wichtig der Rest ist, wenn sich eine derartige Gelegenheit des billigen Geldscheffelns bietet, dann ist es aus kapitalistischer Sicht sträflich sie nicht zu ergreifen!
Abgesehen davon, dass jetzt vermutlich die halbe Welt weiß, dass man Marsha ins Auge ficken sollte, hat McLean hier etwas ganz Neues geschaffen. Etwas das ganz am Anfang eines neuen digitalen Zeitalters steht und sozusagen "Vorbote" der schönen neuen Welt ist: Das Digitale wird zur Lebensgrundlage aller unserer Handlungen, die sich immer stärker global vernetzen. Der Kapitalismus wird sich in ungeahnte Dimensionen steigern, die Kulturindustrie prosperieren. Es stellt sich nur noch die Frage, welche Position der einzelne Mensch in dieser Welt haben wird.
Wie dem auch sei. Zurück zum Casus McLean, zu Marsha und zu einem Adam Smith, der wohl in seinem Grabe rotiert ob dieser verpassten Chance. Angesichts dessen, dass das Album wohl nie mehr erscheinen wird, jetzt ist es vermutlich ohnehin schon zu spät, um noch bei Null-Aufwand Millionen-Gewinne einfahren zu können, denn jeder Hype ist irgendwann vorbei und es gibt andere Lieder, andere Alben, die das Zujubeln wert sind. - Wenngleich auch nicht für die wirklichen Fans des Alex McLean, die auch noch in 50 Jahren nach diesem Album lechzen werden. Nein, den Gewinn stellen die Käufe der Nicht-BSB-Fans und der Nicht-McLean-Fans. Und die sind wohl schon vom Zug abgesprungen. - Schade eigentlich;
da erfindet einer schon mal eine neue PR-Strategie (wenn sie auch aus kapitalismuskritischer Sicht schwer zu tadeln ist, aber welche PR-Strategie ist dies nicht?!), die auch noch derart präzise die Strukturen unserer schönen neuen aufkommenden Welt nicht nur spiegelt sondern auch noch effektiv einsetzt, und
bemerkt es nicht einmal...
Petra Caldonazzi
petra.caldonazzi@die-eule.at
BILD: © Christoph Aron/PIXELIO

