In einer Schreibtischschublade findet sich eine alte Diskette. „"Da hab ich mal mein Leben aufgeschrieben. Ist nicht so wichtig", meint die Erzählerin zu ihrem Mann. Ihm aber schon und so erfährt der Leser die außergewöhnliche Geschichte einer Frau, die hart kämpfen musste, um ihren Platz im Leben zu finden.
"Die „Nonnenfrau"“ zeichnet ausführlich die Kindheitsgeschichte der Erzählerin nach, im Zentrum steht dabei die schwerkranke Mutter, die zum Pflegefall wird. Die Autorin setzt dabei nicht auf verklärte Bilder sondern schildert sehr eindringlich und authentisch, welche Auswirkungen ein Krankheitsfall auf das tägliche Leben und die einzelnen Familienmitglieder haben kann. So bestehen die ersten Jahre der Ich-Erzählerin im Wechsel aus Hausarbeit und Schulaufgaben, erst mit dem Eintritt in die Klosterschule eröffnet sich für sie ein neuer Abschnitt und der erste Kontakt mit den Ordensschwestern zeigt ihr eine andere, für sie bisher fremde Welt, in der sie auf Gleichgesinnte trifft.
Der Entschluss Nonne zu werden reift, aber die Unerstützung der Eltern bleibt aus: „"Wenn du wirklich ins Kloster gehst, kommst du mir nie wieder über diese Türschwelle!"“ Schwierige Zeiten kündigen sich an. Mit 18 verliert sie ihren Vater und steht endgültig vor der Entscheidung, ob sie den Ordensschwestern beitritt oder zu Hause bei ihrer Mutter bleibt. Der Weg führt ins Kloster. Kurz umreißt die Erzählerin die Aufnahmeriten und Aufgaben, die sie zu bestehen hat, im Mittelpunkt steht aber vielmehr die Suche nach dem eigenen Selbst, der eigenen Bestimmung: „"keine Erfüllung * oberflächliche Begegnungen * unerfülltes Hoffen",“ notiert die Autorin in ihrem Tagebuch, damals schon eine Weile hinter Klostermauern. Ihre Mutter, inzwischen im Pflegeheim, hat sich mit der Entscheidung der Tochter immer noch nicht abgefunden, gibt ihr die Schuld am Tod des Vaters.
Zwei Jahre später wieder ein Tagebucheintrag: „"Mein Leben war die ganze Zeit über eine Lüge: Zugeschütteter Schmerz, verborgene Sehnsüchte, ich habe alles verborgen, hinter einem strahlenden Gesicht.", der Austritt aus dem Orden steht bevor. Es braucht Zeit, um sich an das Leben außerhalb zu gewöhnen und noch mehr Zeit, um sich über den eigenen Platz in diesem Leben bewusst zu werden. Am Ende steht aber der liebevolle Ausblick auf eine hoffnungsvolle Zukunft: „"Die Liebe aber ist stärker als die Angst und ich tanze zu seinen Rhythmen, ich tanze mich frei, ich tanze hinein in unser neues gemeinsames Leben."“
Sehr persönlich schreibt Karin Dachs über ihren Weg, der sie ins Kloster und nach zehn Jahren wieder hinaus führte. Der Leser erfährt dabei von inneren Kämpfen, Zweifeln, Zorn und Ratlosigkeit. Es scheint dabei weniger eine Suche nach Gott, als eine Suche nach dem eigenen Selbst zu sein, auf die sich die Erzählerin begibt. Der Versuch sich aus vorgegebenen Rollen zu lösen, aufhören zu spielen und beginnen zu leben. Etwas was uns alle, gläubig oder ungläubig, interessieren sollte.
Thomas Macher
thomas.macher@die-eule.at
Bild: Verlag Riedenburg


Danke Karin für deine persönliche Geschichte, du machst mir Mut, meinen Glauben nicht zu verstecken sondern zu bezeugen.