Lese-Eule: "Ein Buch - Nach vier Monaten - ein Buch!"
Donnerstag, 05. Februar 2009, 17:20 Uhr
Wenn Dr. Bertram - bereits geprägt von ersten Wahnsinnsfängen - auf seinem Bett Brotkrumen von der einen Seite zur anderen schiebt, dann aus jenem einfachen Grunde, dass er das Leben wiedergefunden hat. In einem Haufen Buchstaben und Silben, die für ihn zu mehr werden, als einem simplen Buche. Dr. Bertram. Seit vier Monaten in Isolierhaft durch die Gestapo. Gekoppelt mit absoluter Unbeschäftigung, beginnt ihn die Haft langsam zu zermürben und er begegnet dem Wahnsinn, ausgelöst durch die zwanghafte Wachhaltung seines Geistes. Wenn man Ihnen alles nähme? Es blieben Ihnen wenige Möbel und ein blindes Fenster. Die Tür schlösse sich hinter Ihnen? Vier zeitlose Monate lang... Was, ja was, hielte Sie am Leben - geistig? Dr. Bertram findet ein Buch: "Ein Buch - Nach vier Monaten - ein Buch!"
Stefan Zweig offenbart in der Schachnovelle seinen tiefen Glauben an die Literatur und vor allem an das Lesen als deren Vollzug. Das Lesen rettete Dr. Bertram vor dem aufkommenden Wahnsinn. Ein Buch, das nicht zu den Glanzwerken höherer Literatur zu zählen ist, sondern eine bloße Seitenakkumulation über die 150 legendärsten Schachpartien aller Zeiten.
Es ist das Buch, das Geschriebene Wort und seine Rezeption, die dem Wahnsinn die Stirn bieten. Das Lesen als basales menschliches Handeln. Als eine Kommunikation mit seiner selbst, dient es der Ordnung von Gedankenwirren und der Erfahrung neuer Ideen. Ideen, die den bereits bestehenden Gedankensee erweitern, Staudämme einreißen oder aufbauen, da wo sie notwendig. Lesen erwirkt eine Auseinandersetzung mit der eigenen Person und den Gedanken, die bereits still gehegt, noch nicht reif waren benannt zu werden. Am Lesen ergibt sich ein geistiges Wachstum und erblühen bisweilen auch kargste Wüsten, wie im Falle des Dr. Bertram.
Zweig beweist es: Lesen und Leben sind nicht von ungefähr nur einen Buchstaben von einander entfernt.
Petra Caldonazzi
petra.caldonazzi@die-eule.at

